Dieser Tag sollte ein sehr lanweiliger Tag werden. Es fing planmäßig an, und zwar mit sehr langen Zugfahren. Vielleicht waren auch die Zugfahren gar nicht so lange, aber zwischen ihnen hatte ich das Vergnügen, sehr lange zu warten.


Ich lief in Matsuyama zur Straßenbahn, mit der zum Bahnhof, da fuhr ich mit dem Limited Express Shiokaze (Wir erinnern uns: Züge mit Eigennamen sind die besten Züge) nach Tadotsu. Es war sogar ein spezieller Shiokaze, ein Ampampam Anpampan Anpanman, was mir optisch bekannt vorkam, aber da es sich nicht um ein Pokémon handelt gebe ich zu, davon keine Ahnung zu haben. Es handelt sich um eine Figur mit einem Gebäckkopf. Meine Begeisterung hält sich leider in Grenzen, denn in anderen Präfekturen gibt es Pokémonzüge und ich bin unzufrieden, dass ich nur den Gebäckkopf bekam. Nicht zu vergessen, dass die Fluggesellschaft ANA erst letztens meine größten Träume zerschlug, als sie das Flugzeug (Eine Boeing 777) mit Pokémon-Lackierung wieder normal lackierte. (Haneda – Naha flog es immer, stand auf meiner Bucketlist, natürlich.)


Brotkopfzug war noch in Ordnung, dann wurden aber die Züge mit jedem Umsteigen kleiner und ich merkte, dass ich mich wieder in die eingleisige Provinz gebucht hatte. Zwar direkt an einem Bahnhof, nur leider wird der sehr selten bedient. Also, Provinz ist schon toll. Bringt mir so viel Inaka, wie nur möglich. Aber eigentlich habe ich gerne eine Sorge weniger, am liebsten die „und wie komme komme ich dann zurück?“-Sorge. Diesmal habe ich eben nicht damit gerechnet, weil Reiseführer und Internet schrieben, als handle es sich um eine starkfrequentierte Touristengegend. Aber das ist eben japanischer Tourismus, der bringt seinen eigenen Bus mit und übernachtet in einer abgelegenen Hotelburg.

Meine Unterkunft war eigentlich mehr ein Büro, das auch Dinge wie Rafting und Canyoning anbietet und die Gästehäuser vermittelt, die aber zu größten Teil ansässigen Japanern gehören. Ich hatte ein Ein-Personen-Gästehaus reserviert. (Eigentlich wüsste ich nicht genau, was ich reserviert habe, ein Ein-Personen-Familienzimmer stand da)

Ich hatte geplant, dass ich dort ankomme gegen Mittag. Aus meiner Verbindung wurde nicht klar, dass Lokalzüge selten fahren, denn als ich fahren wollte, kam zufällig einer. Dann wollte ich mein Gepäck in eine Ecke werden und mir die größere Stadt eine Station weiter, Ōboke angucke. Dass es sich bei Ōboke um nur etwa zwanzig Häuser handelt, wusste ich da ja noch nicht. Ich wusste, dass es schön an dieser Schlucht liegt, die sich durch das Iya-Tal zieht, dass es dort Touristenboote gibt und dass ich dort Essen für den Abend kaufen könne, da es im Dorf mit der Unterkunft nichts gäbe.

Ich wurde dann vom Personal für meine unspannende Aktivitätsauswahl ausgelacht und sie holten den Rafting-und-Canyoning-Katalog. Innerlich rollte ich sehr mit den Augen, weil ich nicht darauf gefasst war, direkt nach der Ankunft erst einmal intensiv mit dem Abwimmeln von Verkaufsvertretern verbringen würde. Neben mir saß eine Japanerin, die zufällig fließend Englisch sprach, die sprang auch auf den Vertreterzug. Ich hatte keine Chance. Naja, eigentlich hatte ich doch eine Chance, aber die nächsten zwei Stunden sowieso keinen Zug zur Verfügung. Und Badeklamotten dabei. (Für ein Badeklamotten-Onsen, das später in der Reise kommen könnte) Und Rafting, naja, aber die Wasserfälle in der Gegend sind wirklich echt schön. Und an sich mag ich sowieso Wasserfälle. Und mir war heiß. Und würde ich alleine zu abgelegenen Wasserfällen kommen? Wohl nicht. Würde ich alleine in unbekannte Wasserfälle springen, mit irgendwelchen Felsen und Strömungen? Nein. Und die Englischsprechjapanerin macht das auch und kann mir Dinge übersetzen, wenn das Personal nicht kann. Also gab ich den Menschen große Teile meines Bargeldes. (Kartenzahlung ist in Japan selten, Geld holt der Tourist an sich bei den Automaten von 7eleven. Es gibt hier aber keinen.) Zwei weitere Japanerinnen kamen noch dazu. Wären meine Mit-Canyoninger alles große Outdoormuskelprotze gewesen, hätte ich vielleicht gekniffen, aus Angst, ein Outdoormuskelprotz sein zu müssen, aber so war das absolut kein Argument.

Es hat mir ziemlich Spaß gemacht, auch wenn es ein blöder Geldmache-Trendsport ist. Wenn es ein Sport ist. Ich bin einfach gerne draußen, ich klettere gerne ein bisschen herum, ich mag Wasser und Rutschbahnen und diese Seilbahndinger auf dem Spielplatz. Ideal also. Außerdem ist es ganz schön, potenziell vorhandene Ängste zu überwinden, auch wenn ich keine hatte. Normalerweise hab ich etwas Höhenangst (die ich aber öfter mal tackle und das hilft), aber eher Angst, zu fallen, als sich absichtlich irgendwo runter zu stürzen, (wenn ich weiß, dass mir nichts passiert). Das ergibt keinen Sinn, aber das tun Ängste ja nie.

Außer ein bisschen Wasser in der Nase, einer Kontaktlinse und dass ich jetzt aussehe, wie vom Klettergerüst gefallen, keine Verluste. Und ich habe aus meinen Fehlern gelernt und sehr viele Reservelinsen mitgenommen. (In Japan, dem Land der kosmetischen Kontaktlinsen, sind optische Kontaktlinsen nicht einfach so erhältlich. Man muss wohl einen Sehtest machen, der im Normalfall auf Japanisch sein würde und vielleicht freut sich die Versicherung auch nur so mittel, wenn man im Ausland zur Gaudi Sehtests macht. Als ich bei meinem letzten Aufenthalt ziemlich am Anfang eine verlor, ließ ich mir Tageslinsen aus Singapur ins Hotel schicken – war sogar ein japanisches Produkt)

Ich wurde gefragt, ob statt meinem eigenen Ein-Personen-Guesthouse am Berg auch eines mit den anderen drei Japanerinnen teilen würde, und das mache ich jetzt, denn das ist sehr gut zu erreichen und ich muss mich nicht vielleicht mit einer Machete durch den Wald schlagen. Ich weiß nicht, wie Häuser in Japan traditionell aufgebaut sind, aber ich glaube, das jetzt ist relativ traditionell. Es gibt nur eine Hocktoilette, das Bad ist draußen in einem Extrahäuschen, man hört den Wasserfall und im Wohnzimmer hängt eine Kuckucksuhr. Die Besitzerin ist wahnsinnig nett und kam inzwischen schon dreimal vorbei, um mir Essen und Bier zu schenken.


Danach wurden wir nach Ōboke gefahren, kauften in einem zehn Quadratmetersupermarkt Dinge zu Essen, hauptsächlich Sushi und frittierte Sachen, also Fertigfutter. Und ein bisschen Alkohol. Das aßen wir in der Basis/den Büro. Irgendjemand brachte noch frische gegrillte Muscheln. Ein paar Stunden später wurden wir auf ein Barbeque in einem der abgelegeneren Guesthouses am Berg eingeladen. Als ich ankam, gab es nur noch Reste, aber selbst die waren besser als alles, was außerhalb Japans als japanisches Essen läuft. Ich bekam unter anderem Bonito Sashimi, Mochi und sehr zartes Rindfleisch, alles durcheinander. Ich glaube, man muss in Japan machmal durcheinanderfressen, sonst gilt es nicht. Wie im Izakaya, hauptsache es ist viel da und man probiert alles.

Zurück im Zimmer brachte mir die Guesthousefrau noch Bananen und eine Dose Pocari Sweat, das ist so ein isotonisches Getränk und ich stelle mir vor, dass sie sich das als Katervorbeugung gedacht hat und bin ein bisschen verliebt. Ich trank es die ersten Tage als ich unglaublich viel schwitzte ab und an (es war unter den 7-8 Halbliterflaschen, die ich über den Tag brauchte) und mags ganz gerne, schaden kanns nicht.

 

Morgen gucke ich mir die Hauptsehenswürdigkeit von Ōboke an, eine Hängebrücke und vielleicht mache ich dann diese Touristenschiffchenfahrt.

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