{"id":864,"date":"2010-01-18T23:02:59","date_gmt":"2010-01-18T22:02:59","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nina-jaeger.de\/wordpress\/wordpress\/?p=864"},"modified":"2010-01-18T23:02:59","modified_gmt":"2010-01-18T22:02:59","slug":"chroniken-des-nahverkehrs","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.nina-jaeger.de\/blog\/?p=864","title":{"rendered":"Chroniken des Nahverkehrs"},"content":{"rendered":"<p>Dies ist eine Geschichte, die l\u00e4nger als 140 Zeichen ist. Normalerweise ist der Nahverkehr in 140 Zeichen recht gut beschrieben &#8211; passt ja alles rein, wenn es wiedermal irgendwo h\u00e4ngt. Aber heute haben drei rot-wei\u00dfe Waggons meine Psyche nachhaltig gesch\u00e4digt und das ist vielleicht ganz erw\u00e4hnenswert &#8211; besonders f\u00fcr Menschen, deren Alltag von der Benutzung braver Verkehrsmittel gepr\u00e4gt ist.<\/p>\n<p>Ich begann meine Reise am Marienplatz, da war ich noch sehr f\u00e4hig, das zu akzeptieren, was mein Verkehrmittel vor hatte, mir vorzusetzen. Auf der Liste der Vergehen gegen den menschenfreundlichen Transport waram heutigen Tag nur eine kleine Tramvollbremsung am Mittag, aber das ist verzeihlich, Ampeln springen eben hin und wieder unerwartet aus dem Geb\u00fcsch neben die Schienen.<\/p>\n<p>Sieben Minuten, Wartezeit: auch akzeptabel. Montags variiert meine S-Bahn-Beanspruchungszeit sehr, also muss man nehmen, was so kommt. S-Bahn kommt, gut voll, konnte trotzdem sitzen. Ich sitze sowieso lieber am Fenster, da brauche ich auch mir gegen\u00fcber kein schlechtes Gewissen haben, wenn ich schamlos ausnutze, dass der Gro\u00dfteil der Menschheit f\u00fcr Gangpl\u00e4tze \u00fcber Leichen geht. (Ein Gangplatz ist aber <em>nur<\/em> richtig cool, wenn man den Fensterplatz leer l\u00e4sst. Das ist f\u00fcr die Rock&#8217;N&#8217;Roll, f\u00fcr mich ist das Doofheit in der Ausf\u00fchrung.)<br \/>\nIrgendwann stand S-Bahn ein bisschen in der M\u00fcnchner Wildnis, auch noch okay. Ich habe die S-Bahn nicht gefragt, vielleicht musste sie grasen, vielleicht will sie ihren Passagieren einen Denkansto\u00df geben, vielleicht war es wieder die diabolische unvoraussehbare Ampel.<\/p>\n<p>Pasing. <span style=\"text-decoration: line-through;\">Pasing ist dieser<em> eine<\/em> Bahnhof, an dem gerade gebaut wird.<\/span> Das ist der Bahnhof, der sich schon l\u00e4nger in der Sch\u00f6nheitsoperationsnarkose befindet. Man sieht noch die h\u00fcbschen gr\u00fcnen OP-T\u00fccher, hier und da, geliftet ist er wohl auch schon (pun intended) aber sonst&#8230;<br \/>\nS-Bahn steht in Pasing.<\/p>\n<p>Und steht.<\/p>\n<p>Und steht.<\/p>\n<p>Durchsage, nicht vom Band. Die haben viel vom Band, sogar das mit &#8222;aufgrund einer polizeilichen Ermittlung&#8220;. Das ist eine subtile Form der Selbst-Beleidigung, zumindest kann man das annehmen. Es g\u00e4be ja keinen Grund, Durchsagen zu bauen, die nie verwendet werden w\u00fcrden.<br \/>\nDiese kam nicht vom Band: es g\u00e4be eine Bahn\u00fcbergangsst\u00f6rung in Puchheim. Leider beherrsche ich die Bahnsprache nur in Ausz\u00fcgen, so wei\u00df ich nicht, ob das der Code f\u00fcr eine zickende Schranke oder ein mittelgro\u00dfes suizidales Blutbad auf dem \u00dcbergang ist. Vermutlich ersteres.<br \/>\nUnd dann stand die S-Bahn. Die Administratoren des Bahnhofs M\u00fcnchen Pasing haben jedoch weder Kosten noch M\u00fchen gescheut und lie\u00dfen am Nebengleis diverse ICEs ankommen und abfahren um uns optische Ph\u00e4nomen n\u00e4herzubringen. (Bezugssysteme und so. Physik, b\u00e4h.) Wenn ein ICE so anrollte, dass man in der S-Bahn meinte, sie bewegte sich endlich, sa\u00dfen die Verantwortlichen vermutlichen high-fivend vor ihren Bildschrimen. Richtig bewegt hat sich das S erst nach guten drei\u00dfig Minuten.<\/p>\n<p>Weiterer optionaler Stop zwischen Leienfelsstra\u00dfe und Aubing. Man kennt ja sonst nur die Panaromazwischenstationen bei Schneefall &#8211; in der Dunkel- und Schneefreiheit ist hier allerding der Sinn dahin. (Sollte man vielleicht einmal dem Verantwortlichen dieser in den Grundz\u00fcgen zweifelsohne genialen Marketingidee sagen&#8230;)<br \/>\nF\u00fcnf Minuten.<\/p>\n<p>Und dann probierte der Kutscher einmal aus, was passiert, wenn man die S-Bahn ein bisschen peitscht. Er hat vermutlich ausgeholt und geschrieen: &#8222;I put the &#8218;Schnell&#8216; back into &#8218;S-Bahn&#8216;!&#8220; und dann trat er dieses unbenutzt aussehende Pedal, oder was auch immer zu einer S-Bahngrundausstattung geh\u00f6rt, ganz durch. Und trieb das Vieh Richtung Puchheim. Und dann trat er das abgenutztere Pedal durch, aber er schaffte es doch nicht ganz.<br \/>\nF\u00fcr die, die daran zweifelten: Eine S-Bahn kann r\u00fcckw\u00e4rts fahren. Und so vollzog sie ihre K\u00fcr mit Bravour. Die Einwohner Puchheims, die bereits beim ersten passieren ihres Bahnhofs aufgestanden waren, zeigen bedauerlicherweise keinen Respekt f\u00fcr das Fahrrichtungenrepertoire ihres Personenzuges. War gut, als die Banausen endlich ausstiegen. Eingestiegen ist der Duft von den Bremsen holl\u00e4ndischer Wohnmobile am Zirler Berg.<\/p>\n<p>Die S-Bahn weinte leise.<\/p>\n<p>Abschlie\u00dfend folgt eine Illustration, welche ich im Zuge einer Maltherapie zur Vew\u00e4ltigung des Erlebten anfertigte. Das Original zeigt einen Nahverkehrszug mit seinem enigmatischen Grinsen und einen b\u00f6sen S-Bahn-Chauffeur. (S-Bahn-Chauffeure sind nicht b\u00f6se. Dies ist k\u00fcnstlerische Freiheit.) Er tr\u00e4gt eine Krone mit einem S unf grault seine dicke Perserkatze, in diesem Fall eine kleine S-Bahn. Dies sind n\u00e4mlich die Insignien des Anf\u00fchreres der Dunklen Seite des Nahverkehrs.\u00a0 Gerne h\u00e4tte ich ihm eine Darth-Vader-Maske gemalt, aber das stand nicht in meiner kreativen Macht, also musste als Ersatz die Krone hinhalten. (EDIT: Etwaiige Zuf\u00e4lle, wie ich erst heute morgen feststelle sind tats\u00e4chlich zuf\u00e4llig und unbeabsichtigt. Die Krone ist <em>wirklich<\/em> keine Anspielung, so wissend war ich zu dem Zeitpunkt gar nicht, und deshalt auch nicht als solche zu betrachten.) Der sitzt hauptberuflich in seinem HQ im Keller der ICE-Waschanlage und war neben diesem kulturellen Event auch f\u00fcr folgende andere Ereignisse verantwortlich &#8211; deshalb die Quartettoptik:\u00a0 (a) Polizeiliche Ermittlung am Ostbahnhof (Mittwoch stadteinw\u00e4rts an der Hackerbr\u00fccke pausiert) (b) Notarzteinsatz an der Hackerbr\u00fccke (Donnerstag, stadtausw\u00e4rs am Stachus gewartet) (c) Weichenst\u00f6rung an der Donnersberger Br\u00fccker (Donnerstag, stadtausw\u00e4rts, immer noch Stachus)<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" class=\"aligncenter size-full wp-image-865\" title=\"quarter\" src=\"http:\/\/www.nina-jaeger.de\/wordpress\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2010\/01\/quarter.jpg\" alt=\"quarter\" width=\"450\" height=\"450\" \/><\/p>\n<p>Achja, die h\u00e4ssliche Optik ist Absicht. Wollte es zuerst ganz analog anfertigen, traute aber dme Lesbarkeitsgrad meiner handschrift bei dieser Gr\u00f6\u00dfe nicht \u00fcber den Weg.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dies ist eine Geschichte, die l\u00e4nger als 140 Zeichen ist. Normalerweise ist der Nahverkehr in 140 Zeichen recht gut beschrieben &#8211; passt ja alles rein, wenn es wiedermal irgendwo h\u00e4ngt. 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