{"id":1400,"date":"2012-07-07T01:55:22","date_gmt":"2012-07-06T23:55:22","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nina-jaeger.de\/blog\/?p=1400"},"modified":"2012-07-08T22:27:12","modified_gmt":"2012-07-08T20:27:12","slug":"ich-trank-extra-viel-rotwein-um-nun-unerbittlich-subjektiv-uber-kunstmuseen-zu-urteilen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.nina-jaeger.de\/blog\/?p=1400","title":{"rendered":"Ich trank extra viel Rotwein um nun unerbittlich subjektiv \u00fcber Kunstmuseen zu urteilen"},"content":{"rendered":"<p>Eigentlich bin ich, glaube ich, vergleichsweise oft in Museen. Meistens in fremden St\u00e4dten als unterhaltsames Touristenprogramm. Ich mag Museen mit wissenschaftlichen Dingen, solange mal Kn\u00f6pfe dr\u00fccken kann und Zeug anfassen darf, ich mag Museen mit seltsamen Dingen, \u00fcber die man nicht denkt, dass es Museen \u00fcber sie gibt und Museen mit Fotografie und Museen mit (post)moderner Kunst. Damit kann ich also schon recht gut durchgef\u00fcttert werden. Ob mich Museen mit nicht ganz so moderner Kunst wirklich interessieren, wollte ich demn\u00e4chst einmal herausfinden, wenn mal wieder Dienstag ist. Mein Problem mit nicht ganz so moderner Kunst ist, dass ich, wenn ich eine Ausstellung betrete, nicht direkt Bilder sehe sondern etwa:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<blockquote><p><em>a) Betrachten Sie die folgenden Abbildungen. Ordnen Sie diese K\u00fcnstler und Epoche zu und begr\u00fcnden Sie Ihre Entscheidung. (6 BE)<\/em><\/p>\n<p><em>b) Betrachten Sie nun Abbildung 1.2 genauer. Analysieren Sie Bildaufbau und Darstellungstechnik. Stellen Sie anschlie\u00dfend basierend auf Ihren Erkenntnissen einen Bezug zum Lebenslauf des K\u00fcnstlers beziehungsweise sein politisches\/gesellschaftliches Umfeld her. (12 BE)<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p><\/blockquote>\n<p>Nicht so moderne Kunst f\u00fchlt sich also immer so an, als m\u00fcsste man etwas Kluges \u00fcber sie wissen, weil es gibt sie ja schon lange genug und es wurde schon so viel dar\u00fcber gesagt, dass man wohl schon selbst ganz viel wissen m\u00fcsste das eine oder andere &#8222;Ach. Nat\u00fcrlich. Hier haben wir einen <em>klassischen<\/em> Rubens.&#8220; \u00fcber beleibte nackte Menschen fl\u00f6ten sollte. Das \u00fcberfordert mich wahrscheinlich ein bisschen. Au\u00dfer vielleicht Rubens.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Bei moderner Kunst habe ich das Gef\u00fchl, dass sie an mich h\u00f6chstens den Anspruch stellt, etwas Kluges zu sagen, dass ich mir selbst ausgedacht habe. (Es sei denn, sie nimmt Bezug auf irgendetwas, was man auswendig wissen sollte\/k\u00f6nnte.) Oder man sagt und denkt gar nichts und l\u00e4sst die Kunst sich unverstanden f\u00fchlen, was sie auch nicht so ungern tut.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Au\u00dferdem fallen unter moderne Kunst auch oft solche Installationen, die ich gerne zuhause zum Rumspielen h\u00e4tte, vorallem wenn sie, und da ist dann wieder sowas wie die Sache mit dem Kn\u00f6pfchen dr\u00fccken, in irgendeiner Weise interaktiv sind. Das ist auch sch\u00f6n, weil Kunst sonst sooft Fragilit\u00e4t und Lichtschrankenalarmanlagen verk\u00f6rpert, dass sie ziemlich unsympathisch und unnahbar wirkt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zumindest nahm ich mir vor, Museen etwas mehr Zeit und Hirn zu widmen. Ausl\u00f6ser hierf\u00fcr war, dass ich in Amsterdam im <a href=\"http:\/\/www.foam.org\/\" target=\"_blank\">foam<\/a> (supertoll empfehlenswert) eine Fotoserie sah, die ich gut fand, und ein halbes Jahr sp\u00e4ter im <a href=\"http:\/\/www.mocp.org\/\" target=\"_blank\">Museum of Contemporary Photography<\/a> in Chicago (\u00c4hm. Eintritt frei!) aus Versehen nochmal. Und das war ein bisschen &#8222;MS. JAEGER, YOU ARE <em>NOT<\/em> PAYING ATTENTION.&#8220; in leuchtend roten Buchstaben, insofern werde ich ab jetzt alles besser machen und Museenkram bewusster erledigen. Oder so.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Start war also die <a href=\"http:\/\/www.pinakothek.de\/pinakothek-der-moderne\/\" target=\"_blank\">Pinakothek der Moderne<\/a> irgendwann an einem Dienstag. Ich mag die Pinakothek der Moderne nicht so. Ehrlich gesagt finde ich sie ziemlich \u00f6de im Vergleich zu den meisten anderen Museen mit Moderner Kunst, die ich bisher sah aber es ist auch ein bisschen versnobt, zu bem\u00e4ngeln, sie k\u00f6nnte niemals mit dem <a href=\"http:\/\/www.centrepompidou.fr\/\" target=\"_blank\">Centre Pompidou<\/a> in Paris, der <a href=\"http:\/\/www.tate.org.uk\/visit\/tate-modern\" target=\"_blank\">Tate Modern<\/a> in London oder dem <a href=\"http:\/\/www.moma.org\/\" target=\"_blank\">MoMA<\/a> in New York mithalten, denn M\u00fcnchen ist halt nicht Paris\/London\/New York. Fr\u00fcher stellte ich also versnobte Vergleiche mit dem <a href=\"http:\/\/www.mumok.at\/\" target=\"_blank\">MUMOK<\/a> in Wien an, aber das ist auch eigentlich Quatsch, weil das MUMOK meistens haupts\u00e4chlich aus Sonderausstellungen besteht, die supertoll oder super\u00f6de sein k\u00f6nnen (alles schon erlebt) und in der Pinakothek doch immer ganz viel Dauerausstellungszeug ist, vor allem angewandte Kunst, die in Wien wiederum im <a href=\"http:\/\/www.mak.at\/\" target=\"_blank\">MAK<\/a> ist, also ganz woanders. (Guckt mal her, wie viel ich \u00fcber Museen wei\u00df. Das ist der Wein.)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich war sicher seit der Schulzeit nicht mehr in der Pinakothek der Moderne, und trotz allem wollte ich ihr also nochmal eine Chance geben, nachdem ich die quatschigen Vergleiche mal sein lie\u00df. Au\u00dferdem interessierte mich eine Fotoausstellung \u00fcber amerikanische Fotografie, die sich &#8222;True Stories&#8220; nannte, was ein bisschen nach drogens\u00fcchtigen Prostituierten und verarmten lateinamerikanischen Einwanderfamilien in Wellblechbauten klang, die man ja sonst so selten in Fotoausstellungen sieht. Ich zahlte einen erm\u00e4\u00dfigten Eintritt von 7\u20ac, ohne die gro\u00dfe Sonderausstellung, denn die h\u00e4tte nochmal extra gekostet und das wagte ich zu boykottieren. (Oder auch: Mein Interesse daran hielt sich in Grenzen.) Zun\u00e4chst fand ich dann heraus, dass eben diese Fotoausstellung nur einen Raum gro\u00df war, was ich so doof fand, dass das ganze Museum schon nach dreieinhalb Minuten bei mir praktisch g\u00e4nzlich ausgeschissen hatte. Au\u00dferdem gefielen mir dann nur zwei Fotos wirklich gut, darunter das, was schon Teaser der Ausstellung war. Wenigstens hatten sie anstandsgem\u00e4\u00df Portraits der Drogenjugend mit im Programm, denn die Drogenjugend ist die Unterhose der Fotografie.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nach dieser derben Entt\u00e4uschung guckte ich mir eine Ausstellung mit Skulpturdingen an. Tja. Betrat einen Raum, dann war da eine ausgestopfte Hauskatze. Wenn man annimmt, dass sie Hauskatze eines nat\u00fcrlichen Todes starb, ist das an sich okay, trotzdem erinnerte mich das alles ein bisschen an Joseph Beuys. Beuys ist meiner Meinung nach n\u00e4mlich die Unterhose der Skulpturenaustellungen. Zumindest in Europa. Aber immerhin hatte ich schon einen Raum betreten, der komplett Beuysfrei war. Und auch das Katzenviech hatte irgendjemand anders pr\u00e4pariert. (Nope, Chuck Testa does not taxidermize pets.) Ich war ziemlich froh, mich wie ein Idiot f\u00fchlen zu k\u00f6nnen, der von der Zusammenstellung von Kunstausstellungen doch \u00fcberhaupt keine Ahnung hat. Dann ging ich in den n\u00e4chsten Raum. Beuys. Dann noch einer mit Beuys. Und noch einer. Und noch f\u00fcnftausenddreihundertneunundsiebzig weitere. Zweieinhalb Sekunden fand ich mich klug. Dann aber das Museum erneut voll bl\u00f6d. Ich bin ja schlie\u00dflich auch nur ein armer Proletarier, der nicht Kunstgeschichte studiert und kaum Gem\u00e4lde kennt und \u00fcberhaupt auch keinen Seidenschal tr\u00e4gt, wenn er ins Museum rennt, ich erwarte ein bisschen, dass mich eine Kunstausstellung <em>\u00fcberrascht<\/em>. Oder so. Insofern finde ich es f\u00fcr mich ziemlich entt\u00e4uschend, wenn das dann \u00fcberhaupt nicht der Fall ist. Das sieht aber wahrscheinlich jeder anders und ganz viele Leute freuen sich irrsinnig \u00fcber Beuys und Drogenfotos, das ist auch gut so. Aber ich bin halt ein bisschen beleidigt, wenn mich ein gro\u00dfes architektonisch ansprechendes Museum nicht mit seinem Inhalt beeindruckt. Dass mir beim anschlie\u00dfenden kaum ver\u00e4nderten Bereich mit den Dauerexponaten nicht vor Erstaunen das Maul offen stehen blieb, muss ich wahrscheinlich gar nicht sagen.<\/p>\n<p>Fazit: Orrr.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Eine Woche sp\u00e4ter war ich dann in Hamburg. Wo ich auch meistens nicht Tourist spiele und eigentlich selten daran denke, dass ich in ein Museum wollen k\u00f6nnte, wenn es nicht gerade jemand anspricht. Na gut, ich war vor ein paar Wochen alleine im <a href=\"http:\/\/www.ballinstadt.de\/BallinStadt_Auswanderermuseum_Hamburg\/Willkommen.html\" target=\"_blank\">Auswanderermuseum BallinStadt<\/a>, was ich mir auch ganz alleine rausgesucht hatte, aber das war es dann auch schon. (Man konnte dort Kn\u00f6pfe dr\u00fccken.) Die <a href=\"http:\/\/www.hamburger-kunsthalle.de\/\" target=\"_blank\">Kunsthalle<\/a>, in die immer alle kultivierten Hamburgbesucher gehen und begeistert sind, hatte mich bisher eher abgeschreckt, aus den ganz am Anfang genannten Gr\u00fcnden. Dann fand ich aber mittels sorgsamer Recherche heraus, die ich im Zuge meiner superguten Museumsvors\u00e4tze veranstaltete, dass es dort auch Kram gibt, der dem entspricht, was ich mir normalerweise gerne angucke. Besonders die Sonderausstellungen, die da zu der Zeit gerade waren. Au\u00dferdem wollte ich dann auch noch das <a href=\"http:\/\/www.deichtorhallen.de\/index.php?id=257\" target=\"_blank\">Horizon Field in den Deichtorhallen<\/a> sehen, wenn ich schon feierlich einen Museentag veranstalte. Insofern erfreuten <a href=\"https:\/\/twitter.com\/gizzylovett\" target=\"_blank\">Gizzy<\/a>, <a href=\"https:\/\/twitter.com\/medialer_murks\" target=\"_blank\">Pablo<\/a>, <a href=\"https:\/\/twitter.com\/rolfboom\" target=\"_blank\">Rolf<\/a> und ich zun\u00e4chst eine spiegelnde Ebene mit Sockenf\u00fc\u00dfen, anschlie\u00dfend lie\u00dfen wir Gizzy zur\u00fcck, da sie ihrer Bildung nachgehen musste (kann ja nicht jeder Informatik studieren) und gingen dann zur Kunsthalle, was auch ziemlich toll war, und vor allem \u00fcberraschend. Eigentlich hatte ich in der Sonderausstellung &#8222;Lost Places&#8220; haupts\u00e4chlich Fotografien erwartet, dann waren da aber dunkle Labyrinthe, seltsame Dinge mit \u00d6l und gruslige R\u00e4ume. Rumspieldinge. Klasse. Und irgendwer meiner furchtlosen Begleitm\u00e4nner schubste mich bei Gruselkram immer vor, was mir bewusst machte, dass ich niemals besonders viel Screentime als Horrorfilmfigur zu erwarten h\u00e4tte. (Oder ich bin furchtbar mutig und darf doch nach Gryffindor.) Au\u00dferdem durften wir Bonbons essen, die eigentlich Ausstellungsst\u00fccke waren und gew\u00e4hrten ihnen sogar eine Lutschtime von einer halben Minute, bevor wir sie im Verlauf einer lebensrettenden Ma\u00dfnahme ausspuckten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ach ja. Zeugenaussagen und Beweismaterial, mit dem ich meinen versnobten Hamburgvergleich zu st\u00fctzen versuche, k\u00f6nnen w\u00e4hrend der \u00d6ffnungszeiten in den Ateliers <a href=\"http:\/\/www.rolfboom.de\/2012\/07\/horizon-field\/\" target=\"_blank\">Boomgaarden<\/a> und <a href=\"http:\/\/medialermurks.de\/\" target=\"_blank\">Heimplatz<\/a> (Ausstellung noch im Aufbau) besichtigt werden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Und weil das gut war, bis auf den Geschmack der Bonbons, mag ich jetzt Museen wieder. Demn\u00e4chst werde ich einmal etwas Unmodernes in M\u00fcnchen besuchen. Mal gucken, wie mir das gef\u00e4llt. Und ob ich es schaffe, die Aufgabenstellungen in meinem Kopf zu ignorieren. Zumindest weit genug, das es mir nicht den Spa\u00df verdirbt. Oder ich geh mal wieder ins Deutsche Museum, Kn\u00f6pfe dr\u00fccken.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>PS Liebe Kinder, geht doch mal ins Museum. Es ist meistens gut dort und vielleicht gibt es auch lecker Bonbons.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Viele Gr\u00fc\u00dfe, eure Nina<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eigentlich bin ich, glaube ich, vergleichsweise oft in Museen. Meistens in fremden St\u00e4dten als unterhaltsames Touristenprogramm. 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